SATIREN UND GLOSSEN

Mein Kommentar zum heutigen Facebook-Beitrag des Ariella Verlags und der großartigen Myriam Halberstam:

 

Milano, 12.12.2019

 

Wie vor kurzem bekannt geworden ist, liebt der italienische Nationalistenführer und Afrikakritiker Matteo Salvini schwarze Schweizer Schokolade. Eine Ungeheurlichkeit! Völlig unitalienisch. Motta, Pavesi und Allemagna haben bereits mit Millionenklagen gedroht. Aus Insiderkreise erfahren wir, dass in diesen Minuten eine Krisensitzung der Partei stattfindet. Es wird beraten, welche Begründung der alarmierten Öffentlichkeit gegeben werden soll. Angeblich ist ein Streit darüber entbrannt, ob der Variante ghanesischer Schokoladenbetrüger oder ugandischer Schwarzmaler der Vorzug gegeben werden soll. Salvini selbst ist nicht anwesend. Er befindet sich auf einer Kreuzfahrt durchs Schwarze Meer. Über die Haar- und Hautfarben seiner Begleiterinnen ist nichts bekannt, doch soll er in großen Mengen Bleichmittel mitgenommen haben und dabei sein, die Schwärze aus dem Meer bzu waschen, um sich nicht weiteren Verdächtigungen auszusetzen.

 

Meine Satiren jeden Freitag in den ISRAEL NACHRICHTEN. Morgen lest Ihr über einen 'ganz normalen Tag in der UNO'. Nichts für schwache Lachmuskeln.

 

Herzliche Grüße und trinkt einen Grappa auf den Schreck, aber bitte nur aus weißen Gläsern aus Murano oder zur Not von Lidl Italia*

6.12.2019

 

Alexander Günsbergs politische Satire

Die neue israelische Ministerpräsidentin

 

Wie wir soeben erfahren, ist das lange Tauziehen um eine neue israelische Regierung endlich zu einem glücklichen Abschluss gekommen. Wir freuen uns, die Ersten zu sein, die der Öffentlichkeit die frohe Botschaft überbringen können. Die Türen des Sitzungssaals hier in Jerusalem, in dem die Parteien tagen, sind noch nicht geöffnet, das Resultat der Verhandlungen nicht bekanntgegeben und doch kennen wir es schon. Alles wartet neben uns gespannt auf die Parteispitzen, der Berg von Kameras und Mikrophonen wächst immer weiter an, die Atmosphäre ist zum Zerreißen gespannt. Medienvertreter aus aller Welt sind angereist, um zu erfahren, ob die Koalitionsverhandlungen erfolgreich waren, wie in diesem Fall der neue Ministerpräsident Israels heißt und welche Parteien die künftige Regierung bilden werden. Unserem Reporter Avi Schwerenöter ist es gelungen, eine als Haarspange getarnte Minikamera an Oischele Levi anzubringen, der äußerst aparten, aber verheirateten Chefin der linksliberalen Brückenbauerpartei. Sie wurde zu den Verhandlungen eingeladen, weil sie bei den letzten Wahlen dank eines Bündnisses mit der Arbeiterpartei einen Sitz in der Knesset ergattern konnte. Wie Avi Schwerenöter es geschafft hat, darüber schweigt die Höflichkeit des Gentleman und nichts liegt uns ferner, als Gerüchte zu verbreiten, die zu wilden Spekulationen unberechtigter Art Anlass geben könnten.

 

Langer Rede kurzer Sinn, der neue Ministerpräsident ist eine Frau! Es ist Ge’ula Even, die Gattin von Netanjahus innerparteilichem Rivalen Gideon Sa’ar, bekannt als die hübscheste und klügste Fernsehsprecherin und Journalistin zwischen Tel Aviv und New York. Erst letztes Jahr hat sie der Fernsehwelt den Rücken gekehrt, um ihren Mann im Rennen um den Posten des Kabinettchefs zu unterstützen. Jetzt wurde sie von Königsmacherin selbst zum König, beziehungsweise zur Königin. Möglich wurde es, weil die beiden eigentlichen Kontrahenten um das höchste Regierungsamt im Lande Zions, der bisherige Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vom Likud und sein Rivale Benny Gantz vom Parteienbündnis Blau-Weiß in einem auf drei Runden angesetzten Boxkampf keinen Sieger ermitteln konnten. Zwar verpasste Gantz Netanjahu schon in der ersten Runde einen linken Haken, der ihn zu Boden schmetterte, doch der als Schiedsrichter fungierende Staatsanwalt Avichai Mandelblit zählte so langsam, dass Netanjahu sich nach gefühlten zwanzig Sekunden wieder erheben und weiterkämpfen konnte. In der zweiten Runde gelang es ihm seinerseits, Gantz mit einer geschickten Rechtskombination zu Fall zu bringen. Doch auch seine Anhänger jubelten zu früh. Nitzan Horowitz von der linksgrünen Demokratischen Union erklärte, der Kampf müsse weitergehen, bis Netanjahu die Nase gebrochen wäre, sonst würde er in keine Koalition eintreten. Zum Verdruss und Ärger der Likud-Vertreter gab daraufhin Mandelblit den Ring wieder frei. Oberschiedsrichter Re’uven Rivlin, der ebenfalls im Saal anwesend war, zeigte Mandelblit zwar die rote Karte, doch das ging im allgemeinen Getümmel unter. Zum Glück waren den Verhandlungsführern der Vereinten Liste die Wasserpistolen abgenommen worden, sonst hätte sich eine Seeschlacht entwickelt. Die dritte Runde verlief dann ohne besondere Höhepunkte, wenn man von einem Stuhlwurf absieht, der aber nur Justizministerin Ayelet Shaked von der Partei Jüdisches Haus am Knie traf. Zwar bat sie Mandelblit um sofortige Anklageerhebung gegen die Schuldigen, doch dieser erklärte, er habe nichts gesehen und gehört und könne nicht wahllos Parlamentsmitglieder verhaften lassen, zumal sich sogar Netanjahu auf freiem Fuß befände.

 

Beendet und für unentschieden erklärt wurde das Boxmatch von Rabbiner Jaakov Litzman, dem Vorsitzenden der orthodox-religiösen Agudat-Jisrael-Partei aschkenasischer Prägung. Er ging mit seinen Knickerbockerhosen in den Ring, warf seinen Pelzhut, den Spodik, hoch in die Luft und schrie „Oj Gewalt, oj Gewalt“. Der Lärmpegel verminderte sich etwas, sodass Rebbe Litzman erklären konnte, dass er als Gerer Chassid einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen zwei Juden nicht länger zusehen könne. Avigdor Lieberman von Israel Beteinu verlangte, Litzman solle ihm die Stelle in der Thora zeigen, wo das geschrieben stünde oder den Mund halten. Arje Deri, Vorsitzender der orthodox-religiösen Konkurrenzpartei Schas, die die sephardischen Gottesfürchtigen vertritt, kam dem Rabbiner zu Hilfe, der vor Aufregung kein Wort mehr herausbrachte. Er holte einen Talmudfolianten aus seinem Aktenkoffer, schlug ihn auf und las Liebermann die Stelle vor. Jaïr Lapid von Blau-Weiß schrie ihn an, als verurteilter Betrüger, der jahrelang im Gefängnis gesessen habe, sei er der Falsche, um Moralpredigten zu halten. Deri gab zurück, man sei hier nicht in der Habima, Lapid solle seine Theaterstücke anderswo aufführen, hier ginge es um Politik und da wäre alles erlaubt.

 

Endlich forderte Gideon Sa’ar das Amt des Ministerpräsidenten für sich. Im Falle seiner Wahl, so erklärte er, würde jede Partei im Parlament mindestens drei Ministerposten erhalten, und wenn dafür zwanzig neue geschaffen werden müssten. Ministerien für Schwangerschaftsverhütung im Alter, Entsalzung von Süßwasser, Hebräisch-Unterricht für neueingewanderte Kamele und andere unerlässliche Notwendigkeiten seien ohnehin längst überfällig. Diese Aussicht begeisterte alle und brachte den Durchbruch. „Sa’ar, Sa’ar, Sa’ar“ schrien die versammelten Parteibonzen. Nur Netanjahu blieb stumm wie ein Fisch mit gebrochenem Bein. Schon schien es, als wäre Sa’ar gewählt, da ging die geheime Hintertür des Saals auf. Sa’ars Ehefrau, besagte Ex-Fernsehmoderatorin Ge’ula Even stürmte erbost herein.  „Wo bleibst du, Gideon“, schrie sie ihren Allerliebsten an, „das Essen wird kalt! Glaubst du, ich koche umsonst?“ Nun erkannten die Politiker, wer der eigentliche Chef im Haus war. Sie hoben Ge’ula auf die Schultern, begannen Horra zu tanzen und riefen: „Wir haben einen neuen Ministerpräsidenten, hoch lebe Ge’ula!“

 

 

Ja, liebe Hörer von Radio Kol Mezies, wir sind froh und glücklich, Ihnen als Allererste die große Neuigkeit überbracht zu haben, mit allen Einzelheiten, wie es dazu gekommen ist. Wir verdanken es Avi Schwerenöter. Wir werden ihn für den Puschlewiczer-Preis vorschlagen. Sie wissen nicht, wer Puschlewiczer ist? Jedes Kind kennt ihn doch, den Freund von Chajim Hakapessik, unseren verehrten Chefredaktor. Und schon steigt weißer Rauch aus dem Kamin. Israel hat seinen neuen Papst. Es ist eine Päpstin. Nur in Rom und Jerusalem ist so etwas möglich!

1.12.2019

 

Alexander Günsbergs politische Satire:

Die Moskauer Palästina-Konferenz
Wladimir Putin als Friedensstifter

 

Wie wir eben erfahren, hat die Palästina-Friedenskonferenz, von der so viel gemunkelt wurde, letzte Woche tatsächlich in Kreml stattgefunden. Monatelange Verhandlungen hinter verschlossenen Türen waren nötig, um die Teilnehmer an den Konferenztisch zu bringen. Den Ausschlag sollen große Geldzahlungen aus dem russischen Staatsfonds zur Förderung geistig behinderter Kinder gegeben haben. Das ist aber nicht gesichert. Trotz strengster Geheimhaltung ist es unserem Moskauer Korrespondenten gelungen, eine Kopie des Tonmittschnitts zu ergattern. Hier seine Schilderung des Geschehens:

 

Teilnehmer der Konferenz waren neben dem russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin als Gastgeber sein amerikanischer Kollege Donald Trump, der britische Premier Boris Johnson, der französische Präsident Emanuel Macron, die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, der türkische Präsident Recep Tayip Erdogan, der iranische Staatschef Hassan Rohani, Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und der Vorsitzende der niederländischen Freiheitspartei Geert Wilders. Letzterer vertrat den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu, der wegen einer Einvernahme durch Generalstaatsanwalt Avichai Mandelblit in der Korruptionsaffäre nicht abkömmlich war. Ich brauche keine Friedenskonferenz, sondern Ihre Aussage, soll Mandelblit Netanyahu erklärt haben, als er ihm die Reise nach Russland unter Strafandrohung verwehrte. Rechtsstaat bleibt Rechtsstaat.

 

Putin hatte den Rahmen für die Konferenz vorgegeben. Es wurden zwei Lager gebildet. Lager A, bestehend aus Abbas, Rohani und Erdogan, vertrat den palästinensischen Standpunkt, Lager B, bestehend aus Trump, Johnson und Wilders, den israelischen. Merkel und Macron mussten das Los ziehen. Es teilte die Deutsche Lager A und den Franzosen Lager B zu. Putin fungierte als Schiedsrichter, falls keine Einigkeit erzielt werden konnte. Er eröffnete die Konferenz, wurde aber schon nach wenigen Worten von Rohani unterbrochen. Dieser beantragte, die Staatsbezeichnung Israel durch zionistische Verschwörerbande zu ersetzen. Wilders widersprach heftig und verlangte die Ausweisung Rohanis aus dem Saal. Trump gefiel der Streit der beiden. Er strich seinen Blondschopf zurecht und feuerte sie mit den Worten an: „Gib ihm Saures, Wilders“ und „Nur nicht nachgeben, Rohani!“ – „Aber meine Herren“, versuchte Putin zu schlichten, „so kommen wir nicht weiter. Contenance, contenance, wenn ich bitten darf!“ Abbas ließ sich nicht beeindrucken und forderte den Rückzug der Israelis hinter die Küstenlinie von 1948. Keinen Quadratmeter palästinensischen Bodens würde er ihnen überlassen. Sie hätten in Palästina nichts verloren. Das Land sei schon seit einer Million Jahre palästinensisch. Die ersten Affen, die dort wohnten, seien Palästinenser gewesen. Israelische Affen hätte es nie gegeben.  Anderweitige Behauptungen seien eine Erfindung der Zionisten. Sie würden sich nicht scheuen, den Tempel Allahs in Jerusalem für sich zu reklamieren und alte Münzen auszugraben, die aber nur bestätigten, dass die jüdischen Könige Palästinenser waren. Im übrigen habe es gar keine jüdischen Könige gegeben und wenn doch, so waren es Flüchtlinge vor Judenverfolgungen, die ebenfalls nie stattgefunden haben. Trotzdem hätten sie die Verfolgungen verdient, denn Juden würden lügen, wenn sie den Mund aufmachen. Wer ließe sich das schon gefallen? Erdogan pflichtete ihm bei. „Ja“, meinte er, Abbas hat Recht, obwohl die ersten Bewohner Palästinas und des ganzen Planeten eigentlich Türken waren. Sie haben die Kurden vertrieben, die vor ihnen da waren.“ Das wurde Boris Johnson zu viel. „Seien Sie ruhig, Sie Brexit-Gegner“, schrie er Erdogan und Abbas an. Sie wollen doch nur Deutschland auf Ihre Seite ziehen, damit Großbritannien weiter unter dem französischen Joch bleiben muss!“ Macron, obwohl im selben Lager wie Johnson, widersprach: „Wir Franzosen unterjochen niemand“, sagte er und wollte wissen, was denn ein Joch überhaupt sei. Merkel erklärte es ihm: „Ein Joch ist ein Geschirr für Zugtiere“, sagte sie.  Macron verstand das falsch, stand auf, ging auf Merkel zu und meinte zu ihr: „Angela, das hätte ich von dir nicht erwartet. Dafür gehe ich heute mit Brigitte essen statt mit dir. Einen Gutenacht-Kuss bekommst du auch nicht. Das hast du jetzt davon!“ Endlich griff Putin durch. „Wer hat meinen Kugelschreiber?“, fragte er scharf in die Runde. Das wirkte. Alle erinnerten sich daran, wie er die Oligarchen gemaßregelt hatte, als sie eine Fabrik hatten schließen wollten. Kleinlaut reichte ihm Macron seinen Kugelschreiber. Putin räusperte sich. „Kommen wir endlich zum Schluss“, forderte er, „wer für Frieden ist, soll die Hand heben!“ Wilders, Trump, Macron und Merkel taten es gleich, die drei anderen erst, als Putin sich zu ärgern begann. Seinen Ärger wollte niemand zu spüren bekommen. Gift ist nicht sehr bekömmlich und man war schließlich im Kreml. Da lauerten Putins Agenten überall. Verkappte Juden, dachten sie, trauten sich aber nicht, es auszusprechen. Der Meister zeigte seine Zufriedenheit nicht und verlangte von allen die Unterschrift des Sitzungsprotokolls. Er hatte es im Voraus aufsetzen lassen und zog es jetzt aus seiner Aktentasche. Alle unterschrieben, sogar Trump. Er hatte sowieso keine Zeit mehr. Melanie hatte ihm befohlen, rechtzeitig zum Abendessen in New York zurück zu sein. Sonst würde sie ihm beim anstehenden Besuch des Papstes zum zweiten Mal in aller Öffentlichkeit die Hand nicht reichen, was seine Chancen auf eine Wiederwahl auf den Nullpunkt sinken ließe, dessen war er gewiss.

 

Begossen wurde der Erfolg der Konferenz aus den bekannten Gründen mit russischer Schafmilch. Alle umarmten sich und beglückwünschten einander. Was im Protokoll steht, wird Präsident Putin bei seinem nächsten Besuch in Jerusalem der Weltöffentlichkeit mitteilen. Man darf gespannt sein.

 

 

Die politische Satire

 

Die Nahost-Friedenskonferenz 

von unserem Sonderkorrespondenten in den USA Alexander Günsberg

 

Washington D.C. 19.11.2018. Aus gutunterrichteten Kreisen sind Details der israelisch-palästinensischen Friedenskonferenz bekannt geworden. Wie gemeldet, hat sie letzte Woche hinter verschlossenen Türen in Camp David stattgefunden und nach Angaben der US-Pressesprecherin fast den Durchbruch gebracht. Gemäss ihrer Erklärung vom letzten Donnerstag sei der Friedensplan von Präsident Trump grösstenteils auf Zustimmung gestossen. Nur noch wenige, unbedeutende Punkte blieben zu klären. Ohne Einzelheiten zu nennen, hatte sie verlauten lassen, die erzielten Fortschritte wären so gross,

dass die endgültige Beilegung des seit vielen Jahrzehnten anhaltenden Konflikts nur noch eine Frage der Zeit wäre. All das stelle den Erfolg der Politik von Präsident Trump unter Beweis. Nun sind gewisse Einzelheiten durchgesickert. Die Konferenz wäre vom US-Sonderbeauftragten Jared Kushner geleitet worden. Israel wäre durch den designierten Verteidigungsminister Motti Dajan aus Degania und den neuen stellvertretenden Ministerpräsidenten Ari ben Gurion aus Sde Boker, die palästinensische durch den Hamas-Raketenchef Mohamed el Ainin aus Kairo und den PLO-Propagandaminister Jussuf al Göbbel aus Damaskus vertreten gewesen. Beide würden den gemässigten Fraktionen ihrer Parteien angehören, el Ainin, weil er einen Stopp der Raketenangriffe auf Israel befürworte, sobald keine Juden mehr in Israel lebten und al Göbbel, weil er infolge der in der in Ramallah entstandenen Messerknappheit für einen Unterbruch der Messerattacken auf Israelis eintrete. Jared Kushner hätte zuerst den lange geheim gehaltenen Friedensplan von Präsident Trump vorgestellt. Demnach würden die USA Jerusalem auch als Hauptstadt des neuen Staates Palästina anerkennen, sofern die Araber bereit wären, die Stadt zu verlassen, die Moscheen auf dem Tempelberg abzubrechen und in der saudiarabischen Wüste wiederaufzubauen. Kronprinz und Regierungschef Mohamed bin Salman hätte eingewilligt, den Palästinensern ein unbewohntes Gebiet in der doppelten Grösse Israels als Staatsgebiet zu überlassen und alle Arbeiten inklusive dem Bau neuer Städte und der gesamten Infrastruktur mit einem Betrag von 10 Billionen Dollar zu finanzieren, wenn die Bank Rothschild & Cie. hiefür einen zinslosen, nicht rückzahlbaren Kredit gewähre. Die palästinensischen Unterhändler hätten diesen Plan sofort mit der Bedingung angenommen, dass auch alle Juden aus Jerusalem abzögen und das übrige Gebiet Palästinas verliessen. Der russische Präsident Putin hätte ihnen versichert, sie seien im autonomen jüdischen Siedlungsgebiet Birobidschan willkommen, wenn sie die Kosten der russischen Kriegsführung in der Ukraine während zwanzig Jahren übernähmen und der russischen Armee kostenlos die Ausrüstung lieferten. Die israelischen Konferenzteilnehmer lehnten dies ab, woraufhin die palästinensischen den Saal verliessen, den Israelis die Schuld am Verhandlungsabbruch gaben und neue Raketen- und Messerangriffe auf die israelische Zivilbevölkerung ankündigten. Am nächsten Tag kehrten sie jedoch an den Konferenztisch zurück und brachten als Zeichen ihres guten Willens Falafel und Humus mit. Die Israelis griffen zu und liessen ihr Leben an dem darin enthaltenen Arsenpulver. Sie müssen nun nur noch durch andere Teilnehmer ersetzt werden, was die US-Pressesprecherin zu den genannten Hoffnungen auf einen Durchbruch berechtigte. Weitere Berichte folgen, sobald die Verhandlungen zum Abschluss gekommen sind. In hundert Jahren dürfte es soweit sein. Vielleicht dauert es aber auch ein bisschen länger.

Bericht vom Mars:

 

Der Aussenseiter Dagobert Trumpf folgt auf Ben Banana als amelianischer Präsident.  Die Favoritin Daisy Dick unterliegt klar.

 

von unserem Mars-Sonderkorrespondenten Alex Günsberg

 

New Washington, 12. Januar 2017. Die vor kurzem stattgefundenen Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten von Amelien, dem mächtigsten Land des Planeten Mars, wurden überraschend vom als Aussenseiter geltenden Kandidaten Dagobert Trumpf gewonnen, dem bekannten Milliardär, Playboy und Immobilienmogul, dessen mit Gold, Diamanten und Devisen prall gefüllter Panzerschrank grösser als so manches Bankgebäude ist, wie jedes Kind weiss. Doch leider beschränkt sich seine politische Erfahrung auf eine innige Freundschaft mit Wasteljuk Puckin, dem ebenso begüterten Präsidenten von Russanien, dem zweitmächtigsten Staat des Planeten Mars. Seine Rivalin Daisy Dick, die ehemalige Aussenministerin von Amelien, die allgemein als Favoritin gehandelt wurde, bekam zwar zwei Millionen Stimmen mehr als ihr Rivale, verlor die Wahl jedoch aufgrund der geringeren Anzahl Wahlmänner, die sie von sich einnehmen konnte. Dies ganz offensichtlich, weil sie in die Jahre gekommen war und den ganzen Liebreiz eingebüsst hatte, der sie früher ausgezeichnet hatte. So sind Männer halt nun einmal. Wenn sie zwischen einem blonden Playboy-Milliardär und einer alten Ex-Aussenministerin wählen müssen, so entscheiden sie sich ganz klar für den blonden Playboy-Milliardär. Das hätte ihre Partei, die demokratische Marsallianz, wissen müssen, bevor sie Daisy Dick in die Schlacht schickte. Ein junges, hübsches Fotomodell hätte zweifellos mehr Chancen auf den Sieg gegen Dagobert Trumpf gehabt. Doch so ist das eben in der Demokratie. Jede Million zählt und davon hatte Daisy Dick mehr als die jungen Dinger. Zudem wurde sie vom abtretenden Präsidenten Ben Banana unterstützt, der Amelien in seiner achtjährigen Amtszeit von einem Desaster ins andere gestürzt hatte, doch vor allem bei den weiblichen Wählern mittleren Alters wegen seines Charmes und seines Witzes überaus beliebt war. Die Unterstützung durch Ben Banana war denn auch ihr grösster Trumpf, doch er genügte nicht, um Dagobert Trumpf zu übertrumpfen. Trumpf sticht eben immer, besonders wenn er Dagobert heisst, einen riesigen Panzerschrank besitzt und so grosse Hochhäuser baut, dass man von ihrer Spitze auf die gute alte Erde hinabsehen kann, die ja leider, wie wir alle wissen, vor nicht allzu langer Zeit das Zeitliche gesegnet hat und an Überhitzung gestorben ist! Da die Amelianer gerne lachen, lachten sie am besten über den Witz ihrer letzten Wahlen. Eine Pointe folgte auf die andere, wobei sich die beiden Kandidaten in nichts nachstanden. Während Daisy Dick fröhlich lustige Staatsgeheimnisse aus ihrer Zeit als Aussenministerin über ihren privaten e-mail-Server in alle Welt hinausposaunte, scherzte Dagobert Trumpf ausgiebig über Frauen, Behinderte und Aussermarsianer. Wie gesagt, es war wirklich zum Lachen. Der lustigere Kandidat gewann die Wahl schliesslich und das ist nur gerecht, denn in den Vereinigten Staaten von Amelien zählen Witz und Spott mehr als alles andere, natürlich neben dem Mammon, dem Geld, der Knete oder auch dem Zaster, wie die Amelianer sich auszudrücken belieben. Nachdem sich das allgemeine Gelächter über die lustigen Wahlen und die lustigen Kandidaten etwas gelegt hatte, begann die Besetzung der Minister- und anderer wichtiger Posten durch den neuen Präsidenten. Dabei zeichnete er sich durch Stil und Geschmack und wiederum Witz aus, denn er ernannte durch die Bank Milliardärskollegen, Generäle und Familienmitglieder, allen voran seinen Schwiegersohn Kared Jushner, der schon seiner Wahlkampagne zum Sieg verholfen hatte und sich somit bestens für die Gestaltung der künftigen Marspolitik Ameliens qualifiziert hatte. Bereits kündigte Jushner an, das von Ben Banana geschlossene Luftreinhalteabkommen würde aufgekündigt, um die Gewinne der amelianischen Industrie zu erhöhen und neue Milliardäre zu schaffen, die in Zukunft einmal den Staatpräsidentenposten von Dagobert Trumpf übernehmen könnten. Denn nichts qualifiziert einen Politiker in Amelien mehr als Milliarden und Witze, wie bereits ausgeführt. Das ist kein Witz, auch wenn es wie ein Witz tönt. Trotzdem darf darüber gelacht werden! Denn schliesslich leben wir ein einem freien Land und nicht in Russanien, Turkanien, Hungarien, Syranien, Iranien, Koreanien oder einem der vielen anderen, landschaftlich ausserordentlich schönen Staaten des Planeten Mars, deren Herrscher dem lieben Gott Konkurrenz machen wollen, obwohl sie nichts anderes als Witzfiguren sind. In diesem Sinne wünsche ich all meinen Lesern ein fröhliches Gelächter und bleiben Sie mir gesund, damit sie noch auch meine nächsten Berichte vom Mars lesen können und sich nicht nur mit dem heutigen begnügen müssen, den ich am 65. Jahrestag meiner Geburt in etwas ausgelassener Stimmung verfasst habe. Deswegen bitte ich auch die vorgenannten Herrscher, mich nicht mit Bannflüchen, Fatwas oder sonstigen Todesurteilen zu belegen, sondern mich noch zwei oder drei Jahre am Leben zu lassen, da meine Kinder ihren Vater noch brauchen und meine Leser ihren Autor. Was würden sie sonst mit ihren Mussestunden anfangen?

Gefilte Fisch

 

zu- und aufbereitet von Alexander Günsberg

 

Die Redaktion hat mich gebeten, über etwas Jüdisches zu schreiben. Also habe ich mich gefragt, was jüdisch ist und über welches jüdische Thema es sich zu schreiben lohnt. Fallafel entstammen der arabischen Küche, Moses war höchstwahrscheinlich Ägypter, Whoopi Goldberg ist Katholikin und Bobby Fischer war Antisemit. Das alles fällt schon einmal ausser Betracht. Jesus war zweifellos jüdisch, doch was hat er uns gebracht? Nichts als Zores. Auch Einstein war jüdisch, doch sein Nobelpreis wurde Deutschland zugeschrieben und israelischer Staatspräsident wollte er auch nicht werden. Also auch nichts. Siegmund Freud war jüdisch, hat uns aber allen Komplexe eingeredet. Alfred Dreyfus war jüdisch, wurde dafür aber viele Jahre auf die Teufelsinsel verbannt. Harrison Ford, Michael Douglas und Steven Seagall sind jüdisch, aber kein Mensch glaubt es uns. Es verbleibt nur eins, was jüdisch ist, worüber sich alle einig sind und es sich zu schreiben lohnt: Gefilte Fisch! Niemand zweifelt an, dass gefilte Fisch jüdisch sind. Oder glauben Sie etwa, die Wun tun-Suppe sei eine italienische Spezialität? Also will ich Ihnen eine Geschichte über gefilte Fisch erzählen. Sie hat sich im Glatt-Koscher-Restaurant von Chajim Rosenthal in Brooklyn zugetragen, das den schönen Namen Martef Chajim trägt, was soviel wie Chajims Keller heisst. Warum der Besitzer es so genannt hat, ist mir völlig unerklärlich, liegt es doch im Erdgeschoss an einer vielbefahrenen Strasse, direkt neben der Buchhandlung Or Chadasch, was soviel wie neues Licht bedeutet. Auch dieser Name ist unpassend, denn nur wenig Helligkeit herrscht in dem dunklen Lokal, in dem hauptsächlich Talmudbände und Machsorim, Sie wissen schon, jüdische Gebetsbücher, verkauft werden. Dazu braucht es nicht viel Licht, denn die meisten Käufer behaupten ohnehin, die Texte auswendig zu kennen, auch wenn sie sie kaum je gelesen haben. Aber in einer jüdischen Bibliothek dürfen sie nicht fehlen, sonst könnten Besucher Gott behüte glauben, die Leute wären gar keine richtigen Juden, zumindest keine frommen, was praktisch auf dasselbe hinausläuft. Aber wir schweifen vom Thema ab. Zurück zu den gefilten Fisch und dem, was sich diesbezüglich in Chajims Kellerrestaurant im Erdgeschoss abgespielt hat. Zwei Gäste hatten sie bestellt, die besagten gefilten Fisch. Sie sassen an benachbarten Tischen. Der eine hiess Moische Löffelstein und stammte aus Ungarn, der andere war ein polnischer Jude namens Pinchas Warschawski. Äusserlich konnte man sie gut daran unterscheiden, dass der eine, Moische Löffelstein, einen kurzgeschnittenen schwarzen Bart hatte und seine Zizis unter der speckigen schwarzen Jacke trug, während der andere, Pinchas Warschawski, einen viel längeren schwarzen Bart besass und die Zizis über der speckigen schwarzen Jacke trug. Die beiden kannten sich offenbar. Während des Essens entspann sich folgendes Gespräch:

 

Moische L: «Reb Pinchas, dos sennen nischt ka richtige gefilte Fisch. Do fehltde Paprika.»

Pinchas W: «Nu, Reb Moische, host di noch nie gegessen a poilische Fefferfisch»?

Moische L: «Reb Pinschas, wemen interessiert a poilische Fisch? Mir sennen doch nischt in Lodz».

Pinchas W: «Ojojoj, wus hat man Mame gemacht gite Fefferfisch vin Lodz. A mechaje»!

Moische L: «Bist Di meschigge geworn, Pinchas? Dan Mame hot gemacht gefilte Fisch mit Feffer? Dos is doch Gojim naches! Gefilte Fisch miss ma machen mit Paprika, dus weiss a jedes Kind».

Pinchas W: «Wer isst schon gefillte Fisch mit Paprika, Chajim? Nur de Madjaren, de chaserim».

 

Diese Beleidigung war für den Angesprochenen zuviel. Einen frommen ungarischen Juden ein Borstentier zu nennen, den Inbegriff von trefener Unkoscherheit, ging entschieden zu weit. Jedenfalls war es mehr, als Moische L. ertragen konnte. Er sprang auf, wobei der Stuhl laut krachend umfiel, ging zum Nachbartisch, nahm den Teller von Chaim W. und leerte den Inhalt über dessen Kopf aus. Der so Begossene liess sich das nicht gefallen und schüttete Pinchas L. den Becher süssen Rotweins mitten ins Gesicht. Glitschiger Fischsulz und mit Zucker angereicherter Traubensaft rannen den beiden über Kippas, Bärte und Zizis. In in Chajims Glatt-Koscher-Restaurant entstand ein heftiger Ringkampf. Chajim Rosenthal kam auch sogleich aus der Küche gerannt und versuchte, die beiden Kampfhähne zu trennen, was ihm jedoch nicht gelang. Vielmehr ging er auch selbst zu Boden. Die männlichen Gäste sahen dem Schauspiel belustigt zu und gaben fachmännische Kommentare ab, etwa „Moische wird gewinnen“ oder „Pinchas hat die längere Reichweite“, während die weiblichen lauthals zu schimpfen begannen. Das Ganze endete erst, als Rabbiner Dr. Elias Grünspan, die absolute Autorität von Brooklyn in religiösen Fragen, das Lokal betrat. Kaum wurden die beiden Ringkämpfer seiner gewahr, umarmten sie sich brüderlich, wischten sich gegenseitig Kippas, Bärte und Zizis ab, hoben die nun allerdings leeren Teller vom Boden auf, stellten die umgefallenen Stühle wieder auf und setzten sich brav an ihre Plätze zurück, so als ob nichts gewesen wäre. Chajim, der Restaurantbesitzer, beförderte die am Boden liegenden gefilten Fisch mit einer gekonnten, äusserst eleganten Fussbewegung in eine Ecke, begrüsste den hohen Gast ehrfurchtsvoll und nahm seine Bestellung entgegen: Natürlich Gefilte Fisch, was denn sonst? Jetzt wissen Sie, was ohne jeden Zweifel jüdischer ist als alles andere und worüber es sich zu schreiben lohnt, liebe Leser: Gefilte Fisch! Guten Appetit und vergessen Sie nicht, sich am nächsten Schabbes die Predigt des Rabbiners in der Synagoge anzuhören, auch wenn Sie nicht in Brooklyn wohnen und noch nie in Chajim Rosenthals Restaurant waren, was Sie bei Ihrem nächsten Besuch in New York unbedingt nachholen sollten. Die Adresse brauchen Sie sich nicht zu notieren. Fragen Sie einfach den erstbesten Juden, den Sie auf der Strasse treffen, nach dem Restaurant mit den besten gefilten Fisch!

Die Simplicisten

 

von Alexander Günsberg

 

Wie einfach ist doch die Welt, wie simpel sind alle Probleme zu lösen! Nehmen Sie zum Bespiel den Krieg in Syrien. Putin schmeisst Bomben auf die Opposition, Obama auf Asad, die Kurden auf den IS, der IS auf die Iraker, die Schiiten auf die Sunniten und umgekehrt, die Iraner auf die Saudis, der Hizbollah auf die Zivilisten, die Hamas auf die PLO und schon sind alle tot und der Konflikt begraben. Oder die Bundespräsidentenwahlen in Österreich. Nach vier Anläufen steht eines sicher fest, nämlich dass ein Bundespräsident total überflüssig ist und sein Gehalt besser zur Beschaffung neuer Galauniformen für das Bundesheer verwendet würde, damit die Soldaten endlich einen guten Eindruck beim Tanz mit den bildhübschen Debütantinnen am Wiener Opernball machen. Oder die Sache mit den leidigen Immigranten in Europa aus Afrika und Westasien. Macht es wie Orban, schliesst die Grenzen und lasst sie verhungern. Die ganze Lebensmittelhilfe der EU wird eingespart, Millionen fliessen in die Staatskassen zurück und Audi und VW setzen damit zu neuen Dieselflügen an. Wie herrlich ist doch die Welt! Ganz besonders, wenn man Türke ist und Erdogan wählt. Der verhindert, dass der Benzinpreis in seinem schönen Land über drei Euro pro Liter steigt und lässt alle Staatsanwälte, Polizisten, Journalisten und Oppositionspolitiker einsperren, damit sie nicht zu viel von dem kostbaren Treibstoff verbrauchen. Freundin Marine Le Pen im Frankenland sonnt sich derweil im Glanz des künftigen Ruhms, will alle, nur nicht die Ausländer und sonstigen Schmarotzer in ihr leckes Boot holen, mit dem sie Frankreich über die Wogen aller Gefahren zu steuern gedenkt. Den Gipfel der Glückseligkeit aber beschert uns Donald Duck aus dem wunderbaren Disneyland. Er beglückt uns mit seiner hübschen Tochter Ivana, die uns täglich herrliche Dinge vorduckt, besser gesagt vortrumpt. Ja, so einfach kann die Welt sein, wenn man nur auf Putin, Orban, Erdogan, Le Pen, Trump oder die österreichischen Bundespräsidentenkandidaten hört. Hoch leben die Simplicisten!

Der Mischmosch

 

von Alexander Günsberg

 

Für die wenigen Leser dieser Zeitung, die nicht wissen sollten, was ein Mischmosch ist oder das Buch von Hans J. Aumann über dieses eigenartige Wesen nicht gelesen haben, gebe ich Ihnen hier ein Beispiel eines solches Wanderers zwischen den Welten, nämlich mich selbst. Das trifft sich gut, denn so kann ich mich Ihnen gleich bei meinem ersten Beitrag für diese Kolumne so vorstellen, dass Sie mich am Ende dieser kurzen Beschreibung besser kennen als ich mich selbst. Genetisch gesehen bin ich gar kein Mischmosch, denn mein Vater und meine Mutter, Gott hab‘ sie selig, waren beide Juden, also im damaligen deutschen Sprachgebrauch keine richtigen Menschen, sondern Ungeziefer. Deswegen mussten sie fliehen, meine Mutter aus Ungarn, mein Vater aus Wien. Doch wenn man mein Leben näher betrachtet, so bin ich doch ein

Mischmosch, denn ich habe eine Schweizer Jüdin, eine deutsch-französische und eine italienische Katholikin, eine Schweizer Protestantin und schliesslich eine russisch-orthodoxe Ukrainerin geheiratet und mit ihnen sechs oder sieben Kinder gezeugt, ganz sicher bin ich mir da nicht, die den verschiedensten Religionen angehören, aber deren Herzen, dem Ewigen sei es gedankt, alle für Israel schlagen, dem einzigen Staat auf der Welt, in dem Juden keine Juden sind, wie der grosse Wiener Kabarettist Karl Farkas treffend gesagt hat. Nun, meine Eltern trafen und verliebten sich in der Schweiz, heirateten und wurden ausgewiesen, nachdem sich die Sache mit den Ungeziefern erledigt hatte. Sie lebten zuerst in Italien, wo sie genug Geld verdienten, um alte Lastwagen zu kaufen und damit im wiedererstandenen Staat der nichtjüdischen Juden ein Speditionsunternehmen zu eröffnen. Leider befand sich dieser Staat jedoch gerade in einem Krieg, sodass die Lastwagen vom Militär konfisziert wurden und sich das Speditionsunternehmen ebenfalls erledigt hatte. Nach so vielen Misslichkeiten beschloss mein Vater, nach Italien zurückzukehren und Autorennen zu fahren. Doch auch dort hörten die Misslichkeiten nicht auf. Nach einem Zwischenfall mit einem sizilianischen Au pair-Mädchen, dessen Bruder ihn mit dem Tod bedrohte, sollte er seine Schwester nicht ehelichen und das Kind in ihrem Bauch nicht als das seine anerkennen, übersiedelte mein Vater wieder nach Wien, da er schon verheiratet war und bereits zwei Kinder hatte, wovon ich eines war. In der alten Kaiserstadt gründete er mit anderen das Österreichische Fernsehen, managte den Box-Europameister Laszlo Papp und organisierte das beliebte Jekami (‚Jeder kann mitmachen‘), bei dem viele spätere Film- und Fernsehstars zum ersten Mal auftraten, manche von ihnen auch zum letzten Mal. Letztere wurden jedoch keine Stars, sondern machten sich sonst anderweitig unnützlich für die Republik. In der Zwischenzeit war ich herangewachsen und vom Italiener zum waschechten Wiener geworden, der seine Zeit auf dem Fussballplatz, im Gymnasium und auf Skilagern verbrachte, manchmal aber auch im Theater, was mir die Liebe zur Dramatik und Nostalgie und zum Geschichtenerzählen eingepflanzt hat. Mein Vater hatte in zweiter Ehe eine blonde, streng evangelische und gegen ihren Erzeuger rebellierende Nazitochter geheiratet, wollte nach der Erfahrung mit der Ungeziefervertilgung von seinem Judentum nichts mehr wissen und bezeichnete mich auf allen Dokumenten als o.B., was so viel wie ‚ohne Bekenntnis‘ hiess. Deswegen mussten sich die immer noch existierenden Ungezieferjäger vor mir nicht verstellen, sodass ich mich im zarten Alter von dreizehn Jahren in einen Zug setzte und zu meiner Mutter nach Zürich fuhr. Als religiöse Jüdin war sie die neue Chassene mit dem Präsidenten des nationalen Makkabiverbandes eingegangen. Also Sie sehen schon, ich hatte die besten Voraussetzungen, um ein Mischmosch zu werden. Mehr von mir erzähle ich Ihnen heute nicht, denn sonst würde meine Redakteurin diesen Bericht sicher kürzen und dann würden Sie noch weniger von mir wissen. Lesen sie einfach meine Bücher ‚Geschichten von Liebe, Krieg und Schach‘, ‚Vom Teufel und von der Liebe‘ und ‚Wiener Geschäfte‘. Da steht alles, was Sie interessiert, wenn Sie nicht ganz meschugge sind. Geben Sie aber bitte das letzte Buch nicht Ihren in Liebesdingen noch unerfahrenen Sprösslingen. Sie könnten sonst frühreif werden. Bis zum nächsten Mal und bleiben Sie mir gesund, um es mit Karl Farkas zu sagen!